Froschperspektive „Moby Dick und die Pfandpiraten“

Keine Sorge verehrter Leser, ich könnte mich auch nicht an irgendwelche Freibeuter in Herman Melvilles Klassiker der Weltliteratur erinnern und um die erste Verwirrung noch zu steigern, schicke ich noch voraus, dass die anstehenden Wahlen heute eigentlich thematisiert werden sollen! Folgen Sie mir nur nach und alles wird sich erklären.

Vor kurzem stand ich im Irgendwo und wartete auf ein öffentliches Verkehrsmittel. Wie an jeder Haltestelle, so war auch dort ein Mülleimer angebracht und neben diesem hatte sich ein Obdachloser wohnlich eingerichtet. Als nun ein Leergutsammler vorbeikam und das Behältnis nach einzulösenden Flaschen absuchen wollte, ereignete sich ein Geschehen, dass ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtete. Der Obdachlose, in dessen Salon ich mich anscheinend befand, sprang sofort auf und gab sich als Besitzer des Mülleimers zu erkennen und all seines gegenwärtigen und zukünftigen Inhalts. Der Flaschenkollektor, sichtlich unbeeindruckt, machte sich trotzdem mit seinen behandschuhten Fingern an die Arbeit, was seinem Gegenüber gar nicht gefallen sollte. Noch bevor der Sammler mit seinem Unterarm in das schwarze Loch eingetaucht war, so wurde er vom Jäger, trotz dessen Alters, katzenartig angesprungen und eine Prügelei sondergleichen war im Gange. Nur unter größten Anstrengungen vermochte ich die beiden inzwischen Blutenden zu trennen und unter Hass- und Schimpftiraden gingen sie auseinander. Ja, verehrter Leser, was ist hier passiert und warum erzähle ich es Ihnen überhaupt? Und was hat das alles mit den Wahlen und Moby Dick zu tun? Die Erklärung folgt sogleich.

In dem besagten Roman gibt es ein Kapitel, welches mit „Der feste und der lose Fisch“ betitelt ist. Dort nimmt Melville den zur Kolonialzeit rechtsfreien Raum der Hochsee ins Augenmerk. Hatte ein Walfänger das Glück auf eine ganze Herde zu stoßen und direkt mehrere Leviathane zu erlegen, so war der Besitz derer noch nicht geklärt. Erst wenn sie sich auf dem Schiff befanden oder an ihm festgezurrt waren wurden sie ein Eigentum. Alle lose treibenden Kadaver konnten auch von jedem anderen Schiff in Anspruch genommen werden. Ebenso befinden sich die beiden Pfandpiraten im rechtsfreien Raum des Gesellschaftsrandes und der stärkere setzte sich im erzählten Fall einfach durch, indem er seinen „Besitz“ bis auf das Blut verteidigte.

Wo bleiben die Wahlen mögen Sie sich fragen, doch ich bitte um Geduld! Höchstwahrscheinlich ist Ihnen auch bereits aufgefallen das der herkömmliche Leergutsammler keine Einzelerscheinung mehr ist. Früher waren es dieselben lokalen Gesichter, die immer wieder auftauchten, doch heute hat man es mit einer solchen Vielzahl zutun, das man kaum noch von „Randexistenzen“ sprechen kann. Altersarmut ist in Deutschland zu einem Thema geworden, dem man nicht den Rücken kehren sollte, denn älter werden wir alle und wenn Sie sich nicht vorstellen können später einer solch würdelosen Tätigkeit nachzugehen, heißt es heute darüber nachzudenken und zu handeln.

Doch wie soll das möglich sein? Die vom Volk gewählten Vertreter haben das Volk anscheinend aus den Augen verloren, denn in den letzten Jahren ist nur eine Tendenz verzeichnet; die Diäten steigern sich ebenso kontinuierlich, wie es mit den Rentenansprüchen abwärts geht. Da dieselben Vertreter auch über Regelungen und Gesetzesentwürfe (zum Besten des Volkes) debattieren, könnte man nun fast die Hypothese aufstellen, dass sich der rechtsfreie Raum auf die gesamte Gesellschaft bezieht und nicht nur auf ihren Rand.

Bisher ging man an die Wahlen mit dem Anspruch das kleinste Übel zu wählen, aber ist dies heutzutage, für jemanden mit der Froschperspektive (sprich einer von unten) überhaupt noch möglich? Vorausschauend sollten wir uns Rollschuhe besorgen um schneller an den Mülltonnen zu sein als ein anderer!

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