Froschperspektive „Allzu menschlich“

Die Menschen in unseren Breitengraden mögen noch so unterschiedlich sein, doch nach der Einladung zu einem Klassentreffen denken wir alle das gleiche: „Wer hat was aus sich gemacht?“. Die Neugierde ist der Hauptbeweggrund um an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen und wird knapp gefolgt von dem Wunsch sich zu profilieren.

„Etwas aus sich machen“ – eine komische Redewendung, wenn man länger darüber nachdenkt. Etwas kann ja so ziemlich alles bedeuten. Ich zum Beispiel kenne die Lebenswege von vielen meiner früheren Mitschüler und da kommt recht ansehnliches zusammen. Da gibt es Ehefrauen und Mütter, Physiotherapeuten, Zeitsoldaten, Würstchenbudenbesitzer, Arzthelferinnen, Fertighaus-Verkäufer, Straßenmusiker und Glaubensvertreter.

Etwas ist eine inkommensurable Einheit, an der man nur schwerlich einen Maßstab ansetzen kann und irgendetwas scheint ja aus allen geworden zu sein. Soll man beim Aussehen ansetzen, beim monatlichen Einkommen oder der Anzahl der Kinder? Ist es in Bezug auf die genannten Professionen vielleicht die Anzahl der Würstchen die man verkauft, der Glieder die man heilt, der Menschen die man erschossen oder bekehrt hat? Gar nicht so einfach.

Es könnten auch Gaben oder Talente sein die uns auszeichnen, wie eine herzerweichende Singstimme oder die zwischenmenschliche Kompetenz der Arzthelferin. Etwas, als ein ziemlich subjektiver Maßstab, bleibt schwer zu greifen und der Mensch an sich neigt nun mal zu vorschnellen Urteilen.

Aus der Froschperspektive betrachtet, sollte man woanders ansetzen. Nach Albert Camus hat der Mensch nicht viele Wahrheiten auf die er sich berufen kann, in letzter Instanz sogar nur drei: Ich existiere – ebenso existiert eine Welt, die ich anfassen kann – und mein Dasein in dieser Welt ist zeitlich begrenzt! Alles Weitere ist nur solange wahr, bis man eine neue Wahrheit entdeckt hat.

Seitdem die Menschheit denken kann wurden die großen Antworten gesucht. Gefunden wurde ein buntes Sammelsurium an Alternativen und Möglichkeiten, aber Antworten blieben aus und der erste Schritt zur Weisheit besteht weiterhin darin, zu Wissen, dass man nichts weiß. Wir sollten uns einfach eingestehen, dass wir gar nicht in der Lage sind irgendwelche Maßstäbe an unser Gegenüber anzuwenden, außer vielleicht moralische. Niemand weiß um den rechten Weg, den besten Lebensvollzug oder dem großen Sinn hinter Allem, aber darüber zu urteilen fällt jedem sehr leicht.

Ich kann nicht wissen, ob der kosmische Masterplan darin besteht, dass irgendwo Würstchen verzehrt werden, Musik erklingt oder Schüsse, ein Gott uns ewiges Leben schenkt oder auch nicht.

Auf dieser Grundlage kann ich nicht viel über die Leute aussagen, die ich nach vielen Jahren wieder sehe. Ob der oder der es richtig gemacht hat, vom Glück gesegnet oder ein Totalversager ist. Aber vorschnelle Urteile bleiben ein Massenphänomen, eine Volkskrankheit, bleiben einfach allzumenschlich.

Auf das Ablästern beim Klassentreffen freue ich mich trotzdem!

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