Froschperspektive „Wir sind bequem geworden“

Da da sitzen wir, vier alte und langjährige Freunde, Freitagabend um Viertel vor Elf, in der Familienlimousine…auf dem Weg nach Hause. Wir sind der Rest eines nicht viel größeren Pokerabends, ein Event das mit der Zeit immer seltener statt findet und immer komischere Formen annimmt. Der Gastgeber wird, obwohl wir seine Wohnung erst vor fünf Minuten verlassen haben, wahrscheinlich schon alle Viere von sich gestreckt haben, auf der Couch oder im heimeligen Bett. Mein Gott…wir haben uns doch erst um Sieben getroffen, was ist nur passiert? Die Antwort ist leicht; wir sind bequem geworden!
Ja da sitzen wir, unterhalten uns erschöpft über V6 Motoren und Benzinverbrauch auf Hundert Kilometer, während die Straßenlichter an uns vorbeiziehen. Wir haben allen Grund müde zu sein…immerhin ist es schon dunkel. Vier Kerle, die ihr träges Gespräch vor der Ampel fortsetzen, ohne die beiden aufgebrezelten Party-Chicks zu beachten, die gerade vor ihnen die Straße passieren und einen lächelnden Blick auf den Wagen voller „Jungs“ werfen. Mein Gott…was ist nur aus uns geworden? Früher hätten wir halb aus dem Autofenster hängend gerufen, gepfiffen oder gesungen,
noch nicht mal mit der Absicht dabei irgend etwas zu erreichen, sondern einfach nur um zu lachen, das Leben herauszufordern, Spaß zu haben. Heute sind wir fast schon froh zeitig wieder zu Hause zu sein, denn…wir sind bequem geworden.
Auch beim vorangegangenen Pokerabend saßen wir, bedächtig trinkend und rauchend. Es gab Zeiten da hätte man seine Probleme bekommen uns still zu halten. Mein Gott…ich kann mich an facettenreiche Exzesse erinnern, die ich aus kompromittierenden Gründen nicht weiter ausführen werde und wenn einer von uns nun die Sprache auf einen solchen richtet, heißt es nur: „Das brauchen wir heute nicht mehr“. Ist das so? Aber was brauchen wir dann? Hoffentlich nicht das, worüber den ganzen Abend gesprochen wurde und was sich auf einen Nenner gebracht umschreiben lässt mit: Wie gebe ICH mein Geld aus?! Angestrebte Immobilien, gewünschte Autos und ersehnte Urlaubsziele. Wir haben uns mal über Gott und die Welt unterhalten, mit Themen die so schnell variierten, dass sie zwei Minuten später schon wieder vergessen waren, nur unterbrochen durch Gläserklirren. Wir haben die Zeit miteinander genossen. Heute reicht einem jeden der kurze Ausbruch aus dem Alltag, ein leichter Rausch, der sich schnell einstellt, denn es verträgt ja auch keiner mehr was und dann wieder ans geregelte Werk: Titel erkämpfen, Statussymbole kaufen, Karriere ausbauen, Häusle bauen und Kinder, Kinder, Kinder. Sogar das Pokern wird unterbrochen, um den Kleinen noch schnell telefonisch einen Gute-Nacht-Kuss zu übermitteln, was natürlich nichts schlechtes ist, aber man hat das eigene Bestreben und die gemeinsamen Freuden schon mal besser in Einklang gebracht. Der Grund dafür liegt auf der Hand…
wir sind bequem geworden.
Die Energien, welche im Alter bekanntlich nicht zunehmen, werden auf sich selbst verwandt, auf den eigenen Weg; und das Umfeld, egal wie wichtig es auch sein mag, gerät weiter und weiter ins Hintertreffen. Ebenso wird die Definition von Freundschaft erkenntlich dünner und dünner, oder wir nur oberflächlicher. Mit ein wenig Kraftaufwand, was ein bescheidener Preis für den Ertrag ist, könnte man jedoch beides haben; ein intaktes Eigenleben mit Familie und Co und aufrichtige bzw. echte Freunde, doch machen wir uns nichts vor…wir sind bequem geworden.
Ja da sitzen wir, auf dem Heimweg, Freitagabend, inzwischen schon ganze Elf Uhr, im Schnitt vierzig Jahre alt, aber ehrlich gesagt freue ich mich auf die Couch, der Rücken, wenn Sie verstehen!

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